08. August 2023

An die KZ-Gedenkstätte Buchenwald, die Leitung, Mitarbeiter und an alle Interessierten
Offener Brief vom 8.4. 2024

https://www.tagesspiegel.de/kultur/buchenwald-gedenken-gedenkstattenleiter-emport-uber-ausladung-des-umstrittenen-philosophen-omri-boehm-13485358.html

 

Guten Tag, Herr Professor Wagner,
sehr geehrte Interessierte.

Nicht nur wir sind schockiert und verwundert darüber, dass Sie Omri Boehm zur Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung von Buchenwald eingeladen haben – auch wenn Sie die Einladung nun auf vielfachen Druck auf einen anderen Zeitpunkt verschoben haben.

Wir müssen uns wirklich fragen: Wie viele Jahre arbeiten Sie in der KZ- Gedenkstätte Buchenwald und leiten diese? Wie lange sind Sie schon mit dem Thema Shoah befasst? Haben Sie gar nichts verstanden? Haben Sie kein Gefühl dafür, wer bei einer solchen Gedenkveranstaltung als Redner passend ist und wer nicht passt? 

Gerade nach dem 7. Oktober 2023, wo Wellen von Judenhass in Deutschland und Europa über uns einbrechen, da fällt Ihnen nichts und niemand besseres ein als Omri Boehm? 

Hat Sie der Leipziger Buchpreis geblendet, den Boehm erhalten hat? Das war bereits ein Fehler, und nun machen Sie einen gravierenden Fehler und stellen sich als Opfer dar? Beschämend.

In einem Interview Boehms mit dem Deutschlandfunk fordert er für das „gedeihliche“ Zusammenleben der Ethnien [Anm.: Israelis und Palästinenser] die „Kunst des Vergessens“. So nennt er „eine Politik, die daran erinnert, den Holocaust und die Nakba zu vergessen, um sie nicht länger als Säulen unserer Politik zu verewigen, sondern abzutragen.“

Und genau das möchten auch Herr Höcke von der AfD/NPD und nach neuesten Umfragen rund die Hälfte der Deutschen – den Holocaust endlich vergessen, natürlich aus anderen Intentionen heraus. Doch das Ziel ist dasselbe: dieses Menschheitsverbrechen soll vergessen werden. Sie bezeichen Boehm als „Brückenbauer“?

Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie es Shoah-Überlebenden damit geht, dass Boehm – selbst Enkel eines Shoah-Überlebenden – meint, man solle sich im Sinne der Zukunft nicht mehr an die Shoah erinnern? Dafür, dass sich Botschafter Ron Prosor schützend vor die eingeladenen Shoah-Überlebenden stellt, damit sie nicht zusätzlich verletzt werden an diesem schweren Tag, sollten Sie dankbar sein, wenn Sie einen derart gravierenden Fehler begehen. Haben Sie Verständnis und Mitgefühl für Shoah-Überlebende! 

Wie sagte Elie Wiesel? „Vergessen wäre nicht nur gefährlich, sondern beleidigend; Die Toten zu vergessen, wäre so, als würde man sie ein zweites Mal töten.“ Er sagte auch: “Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft“ 

Und Sie wundern sich, dass es bei Ihrer Einladung Boehms Kritik hagelt. Der Nahost Konflikt hat bei so einem Anlass nichts zu suchen. Hätte Omri Boehm das akzeptiert? Auch sagte Boehm: „Israels Vorgehen in Gaza ist keine Selbstverteidigung“. Was ist es denn dann – eine Party, um einen Genozid an den Palästinensern zu verüben? Boehm erkennt zudem die Israel-Resolution des Deutschen Bundestags nicht an, ebensowenig wie die BDS-Bewegung das tut, die in Deutschland besonders in der Kunst- und Kultur-Szene verbreitet ist, sich „pro palestine“ auf die Fahnen geschrieben hat und damit oftmals der Hamas assistiert.

Ein Mitglied von unserem Verein erinnert sich an ihren letzten Besuch in Buchenwald. Da sah sie als erstes einen Aufsteller mit „Heute Kaffee mit Zupfkuchen im Angebot“ vor einer ehemaligen Barracke –sie  glaubt, es war rechts neben dem Eingang. Sie fand das geschmacklos, und es zeigte schon damals einen gewissen Mangel an Sensibilität seitens der Leitung der Gedenkstätte. 

Und dann fielen Sie uns auf, weil Sie die Stolpersteine so gut finden. Wenn man sich wie Sie so lange mit dem Grauen der Shoah befasst, kommen auch da Fragen auf. Die Stolpersteine sind ein sogenanntes Erinnerungsprojekt, das in seinem gesamten Habitus verletzend und respektlos ist: die Steine sind am Boden, schutzlos, wie damals die Opfer, und der Mini-Text erinnert an NS-Deportationslisten, in denen ein Menschenleben aufs Mindeste reduziert wurde. Die Steine sehen alle gleich aus, dabei nimmt man den Opfer ihre Individualität, ebenso wie die Nazis die Opfer uniformiert und gleich gestellt haben. Die Verlegung am Boden bedeutet nicht nur eine tagtägliche Schändung mit Fußtritten und Straßendreck und vielem mehr, sondern lädt geradezu zu mutwilliger Schändung ein, etwa mit Säure und Lack, was dann auch bundesweit von Anfang an geschah und geschieht. Das Stolperstein-Projekt ist nicht mehr als ein lukratives Geschäftsmodell – Gunther Demnig hat sich den Markenwert patentieren lassen (ca 18 Millionen Euro udn vermutlich um einiges mehr haben sie gebracht) – und ein bequemer Ablasshandel mit Verstrickungen zur BDS. Nicht einmal der Autobauer BMW erlaubt es, das Firmenlogo auf dem Boden anzubringen, das erschiene dem Konzern unwürdig. Und Sie unterstützen etwas Derartiges? 

Boehm, Zupfkuchen, Stolpersteine – vielleicht sollten Sie einmal innehalten und sich fragen, ob die Arbeit, die Sie leisten, tatsächlich unter solchen Vorzeichen gut zu nennen ist. Was es heute vielmehr braucht, sind integre Gedenkveranstaltungen und Taten, die ihnen folgen müssen. Denn sonst wird angesichts des grassierenden Juden- und Israelhasses jüdisches Leben in Deutschland bald nicht mehr möglich sein. 

Einen schönen Tag wünscht
Respect & Remember Europe e.V.